Kairos – Der Gott des günstigen Augenblicks in der griechischen Mythologie
Kairos ist ein eher abstraktes Konzept
In der reichen Welt der griechischen Mythologie gibt es nicht nur die großen Götter des Olymp wie Zeus, Athene / Athena >> oder Apollo, sondern auch fein differenzierte Personifikationen abstrakter Konzepte. Eine dieser faszinierenden Gestalten ist Kairos (altgriechisch Καιρός, Kairós), die Verkörperung des richtigen, günstigen Augenblicks oder der günstigen Gelegenheit.
Wer ist Kairos?
Kairos gilt in der Mythologie als Gott oder personifizierter Geist (Daimon) der Gelegenheit und des günstigen Moments. Der Begriff kairos selbst bedeutet im Altgriechischen „das rechte Maß“ oder „die günstige Gelegenheit“ – eine Zeitspanne, in der die Dinge in Bewegung geraten und Chancen ergriffen werden können. Als mythologische Figur wird Kairos gelegentlich als jüngster Sohn des Zeus beschrieben, der zwischen den Göttern nicht die gleiche Bekanntheit wie sein Vater oder andere Olympier erlangt, aber dennoch eine symbolisch wichtige Rolle spielt.
Darstellung und Symbolik
Die Bildsprache um Kairos ist besonders eindringlich:
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Er wird meist als jugendlicher, beweglicher Jüngling dargestellt, teils mit Flügeln an Schultern oder Fersen, was seine Flüchtigkeit und die Dringlichkeit seines Erscheines betont.
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Das auffälligste Symbol ist eine einzelne Haarlocke an seiner Stirn, während der Hinterkopf kahl bleibt. Dieses Motiv verweist auf die mythologische Lehre: Gelegenheit muss beim Vorbeigehen am Schopf gepackt werden – verpasst man den Moment, so ist er unwiederbringlich verloren.
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In antiken Darstellungen steht Kairos oft auf Zehenspitzen oder gar auf einer Rasierklinge, was den schmalen Grat zwischen Erfolg und Versäumnis betont.
Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die klassische Skulptur von Lysippos, die Kairos als immer in Bewegung darstellte und durch ein Epigramm verdeutlicht: „Ich bin die Zeit, die alles bezwingt“, und weiter über seine Bewegung und die Notwendigkeit spricht, ihn zur richtigen Zeit zu ergreifen.
Bedeutung des Kairos-Begriffs
Kairos steht nicht nur für einen Moment, sondern auch für eine philosophische Auffassung von Zeit, die sich deutlich vom linearen Zeitbegriff (Chronos) unterscheidet. Während Chronos die fortlaufende, messbare Zeit beschreibt, bezeichnet Kairos jene qualitative, entscheidende Zeit, in der sich eine Chance bietet, die zu handeln verlangt. In der antiken Vorstellung ging es also nicht um Zeit im Uhrzeigersinn, sondern um den richtigen Zeitpunkt im Leben und Handeln – jenen Augenblick, der, wenn er erkannt und genutzt wird, über Erfolg oder Scheitern entscheidet.
Kairos in Literatur und Kultur
Auch in antiker Literatur taucht das Motiv auf: In Fabeln und dichterischen Texten symbolisiert Kairos die Chance selbst – ein flüchtiger Augenblick, der nur durch Wachsamkeit und Weisheit genutzt werden kann. Die Redensart „die Gelegenheit beim Schopfe packen“ findet direkt auf die Gestalt des Kairos zurück und ist bis heute ein gebräuchlicher Ausdruck für das Ergreifen des richtigen Moments.
Fazit
Kairos ist mehr als nur eine mythologische Figur: Er steht für eine grundlegende menschliche Erfahrung, die schon den alten Griechen bewusst war – die Kunst, den Augenblick zu erkennen und zu nutzen. In dieser Bedeutung wirkt Kairos als lebhafte Metapher für Entscheidungen, Chancen und das Zusammenspiel von Zeit und Gelegenheit. Sein Bild mit der Haarlocke und dem kahlen Hinterkopf hat sich als starke symbolische Botschaft erhalten: Gelegenheit bietet sich nur einmal – ergreife sie, solange sie da ist.


