Der Stern Capella und die göttliche Ziege Amaltheia
Capella und Amaltheia: Das kosmische Vermächtnis der göttlichen Ziege
Wer in einer klaren Herbst- oder Winternacht den Blick zum Himmel richtet, wird im Sternbild Fuhrmann (Auriga) unweigerlich von einem strahlenden, goldgelben Licht angezogen. Es ist Capella, der Hauptstern dieses Sternbildes und der sechsthellste Stern an unserem gesamten Nachthimmel. Doch hinter diesem astronomischen Giganten verbirgt sich weit mehr als nur heiße Gase und immense Entfernungen: Am Firmament verewigt ist hier eine der rührendsten und wichtigsten Geschichten der griechischen Mythologie – die Sage von der göttlichen Ziege Amaltheia >>.
Die Astronomie: Die „kleine Ziege“ am Firmanent
Aus wissenschaftlicher Sicht ist Capella (lateinisch für „kleine Ziege“) ein faszinierendes Himmelsobjekt. Obwohl sie für das bloße Auge wie ein einzelner Stern aussieht, handelt es sich in Wirklichkeit um ein komplexes Vierfach-Sternsystem. Das Herzstück bilden zwei gelbe Riesensterne, die sich in relativ engem Abstand umkreisen, begleitet von zwei weitaus kleineren und lichtschwächeren Roten Zwergen.
Hellste Sterne des Nordhimmels
Zusammen mit den Sternen Wega und Arktur bildet Capella das markante Dreieck der hellsten Sterne des Nordhimmels. Direkt neben Capella befindet sich eine kleine Gruppe von drei Sternen, die in der Astronomie traditionell als die „Haedi“ (die Zicklein) bezeichnet werden. Diese himmlische Anordnung spiegelt exakt ihren mythologischen Ursprung wider.
Die Mythologie: Amaltheia, die Retterin des Göttervaters
Die Verbindung zwischen dem Stern und der Mythologie führt uns zurück in die raue Urzeit der griechischen Götterwelt. Der Titan Kronos, geplagt von der Angst, von seinen eigenen Kindern gestürzt zu werden, verschlang jeden seiner Nachkommen direkt nach der Geburt. Als die Göttin Rhea ihr sechstes Kind, den späteren Göttervater Zeus, zur Welt brachte, ertrug sie dieses Grauen nicht länger. Sie überlistete Kronos, indem sie ihm einen in Windeln gewickelten Stein reichte – und schmuggelte den neugeborenen Zeus heimlich auf die Insel Kreta >>.
Wo wuchs das göttliche Kind Zeus auf?
Dort, in einer verborgenen Höhle des Dikti-Gebirges, wuchs das göttliche Kind in Sicherheit auf. Die wichtigste Rolle bei seiner Rettung und Aufzucht spielt Amaltheia. Nach den antiken Überlieferungen war Amaltheia eine göttliche, wunderschöne Ziege (in einigen späteren Versionen auch eine Nymphe, die eine Ziege besaß). Amaltheia nahm sich des kleinen Zeus an und zog ihn mit ihrer nahrhaften, süßen Milch auf. Um zu verhindern, dass Kronos das Weinen des Babys hörte, postierten sich die Kureten – bewaffnete Schutzgeister – vor der Höhle und schlugen wild ihre Schwerter gegen die Schilde, wann immer das Kind schrie.
Das Horn des Überflusses und der Weg an den Himmel
Zeus wuchs dank Amaltheias Pflege schnell heran und entwickelte übermenschliche Kräfte. Eines Tages brach er beim wilden Spielen im Übermut versehentlich eines der mächtigen Hörner der Ziege ab. Voller Bedauern und Dankbarkeit segnete der junge Gott das abgebrochene Horn: Es sollte von nun an als Füllhorn (Cornucopia) bekannt sein, das sich niemals leerte und seinem Besitzer stets im Überfluss alles schenkte, was dieser sich an Speis und Trank wünschte.
Nach dem Tod der Amaltheia
Als Amaltheia schließlich starb, ehrte Zeus seine geliebte Amme auf ganz besondere Weise: Er erhob sie als Stern Capella an den Himmel. Die drei kleinen Sterne direkt neben ihr, die „Zicklein“, symbolisieren die Nachkommen der göttlichen Ziege, die an ihrer Seite am Firmament verewigt wurden. Aus ihrer unzerstörbaren Haut fertigte Zeus zudem die Aegis, seinen legendären, schützenden Schild, den er später oft seiner Lieblingstochter Athene überließ.
Fazit
Wenn wir heute in einer klaren Nacht zu Capella hinaufsehen, blicken wir nicht nur auf ein funkelndes astrophysikalisches Wunder. Wir blicken auf ein jahrtausendealtes Symbol der mütterlichen Fürsorge, des Schutzes und der Dankbarkeit. Die „kleine Ziege“ Capella erinnert uns daran, dass selbst der mächtigste Herrscher des Olymps seine Existenz der liebevollen Hingabe einer Ziege in einer kretischen Höhle zu verdanken hatte.
Wer sich nun für die spannende griechische Mythologie näher interessiert:
Haufenweise Pressemitteilungen über die griechische Mythologie in Kombination mit der Antike >>


